Wie geht Brownfield Entwicklung bei unseren europäischen Nachbarn? - 10 Fragen an Eddy Wille von OVAM

30.10.2019

Flandern verfügt über eine der fortschrittlichsten Rechtsvorschriften zur Bodensanierung in Europa. Mit der 1996 verabschiedeten Bodenverordnung hat das Land ein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Bodenverschmutzungen geschaffen. Die OVAM (Behörde für öffentliche Abfälle in Flandern) ist intern unabhängig und Teil des Politikbereichs Umwelt, Natur und Energie der flämischen Regierung. Sie gilt als Flanderns wichtigste Behörde für die nachhaltige Bewirtschaftung von Abfällen, Materialien und Böden. Eddy Wille, Senior Advisor von OVAM, erzählt im ausführlichen B24-Interview, wie erfolgreiche Brownfield-Entwicklung bei unserem europäischen Nachbar aussieht.

B24: Gibt es in der Flämischen Region eine Zielmaßgabe, welche den Flächenverbrauch langfristig reduzieren will? In Deutschland beispielsweise soll der Flächenverbrauch bis 2030 auf unter 30 Hektar gesenkt werden.

Eddy Wille: Ja, wir haben ein ähnliches System. Wir wollen die Auslastung bis 2040 auf Null reduzieren. Im Moment ist es ein Ziel der flämischen Regierung, aber nicht in einer Verordnung. Man kann sagen, dass wir in den letzten zehn Jahren einen Verbrauch von fünf Hektar pro Tag hatten. Früher war es das Doppelte, aber im Moment haben wir fünf Hektar Verbrauch und wollen im Jahr 2040 bei null liegen.

B24: Inwieweit ist die Brownfield-Entwicklung in der Flämischen Region bereits ein Thema bei den Projektentwicklern?

Eddy Wille: Nun, ich muss sagen, dass wir in den letzten zehn Jahren immer mehr Projektentwickler gesehen haben, die zunehmend an derartigen Projekten gearbeitet haben. Bevor die Abbrucharbeiten an der Liegenschaft beginnen, war bereits jemand da und hat sich um die Bodenkontamination gekümmert. Die nächste Firma kam dann, um einen neuen Plan zu machen und dann hat man irgendwann ein neues Wohngebiet. Was wir im letzten Jahrzehnt gesehen haben ist, dass wir mehr Entwickler haben, die eine integrierte Lösung entwerfen.

B24: Wie bewerten Sie das Bewusstsein für den täglichen Flächenverbrauch in der Immobilien- und Baubranche der Flämischen Region?

Eddy Wille: Das ist eine heiße Angelegenheit. Aufgrund der Tatsache, dass wir die Ziele festgelegt haben, bis 2040 eine Neuflächeninanspruchnahme von Null zu erreichen, wird derzeit in der Gesellschaft viel diskutiert. Es hat ziemlich viel mit dem Wert des Landes zu tun. Aufgrund der Wahlen in Flandern bin ich sehr zuversichtlich, dass die nächste Regierung Maßnahmen in diesem Bereich ergreifen wird.

B24: Welche Herausforderungen bringt die Brownfield-Entwicklung in der Flämischen Region mit sich?

Eddy Wille: Nun ja, vor 15 Jahren war die größte Herausforderung die Antwort auf die Frage »Wie läuft der Prozess, um ein Redevelopment eines Brownfields zu realisieren?«. Also genauer: »Wie fange ich an?« Das war jedoch nicht die einzige Hürde. Mittlerweile haben wir eine spezielle Politik für die Brachflächenrevitalisierung. Heute ist die Herausforderung eine stetige Verbesserung, um die Qualität der Projekte zu erhöhen und Lücken in der Politik zu erkennen. Zum Beispiel, ob Liegenschaften übersehen werden oder bestimmte Arten von Brachflächen nicht erkannt worden sind. Darüber hinaus ermöglicht die flämische Regierung gewisse Vorteile für die Brachflächenentwicklungsprojekte. Dort ist die Aufgabe, dass Projekte, die weniger komplex und auch leichter zu genehmigen sind, nicht die gleichen Vorteile bekommen, wie die komplexen Projekte. Das nennt man in der Soziologie »Matthew-Effekt«. Das bedeutet, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. Das stellt die größte Herausforderung dar, da die Regierung hier aufmerksam bleiben muss, um ein erstrebenswertes Flächenmanagement gewährleisten zu können.

B24: Welcher Mehrwert kann durch Brownfield-Entwicklung geschaffen werden? Wie weit reichen die Auswirkungen?

Eddy Wille: Nun, relativ oft erleben wir, dass wenn man sich die Brachflächen anschaut, oftmals auch die Nachbarschaft nicht in einem guten Zustand ist, sodass es negative Auswirkungen einer Brachfläche auf ihre unmittelbare Nachbarschaft gibt. Also von dem Moment an, in dem Sie mit den Wiederaufbauplänen auf einem brachliegenden Gelände beginnen, ist oft eine Verbesserung der Nachbarschaft zu sehen. Das ist eine Auswirkung, die sehr wichtig ist.

B24: Wird die Entwicklung von Brownfields in Belgien in irgendeiner Weise unterstützt oder subventioniert?

Eddy Wille: Ich würde lieber den Begriff »erleichtert« verwenden. Es ist eher so, dass wir Steuersenkungen geben, also wenn Sie eine Liegenschaft kaufen, müssen Sie Steuern zahlen, aber Sie müssen nicht zahlen, wenn Sie eine offiziell genehmigte Brache haben. Auch wenn Sie Grundstücke in einen höheren Wert umwandeln, z. B. von Gewerbeflächen in Wohnbauflächen, müssen Sie eine Steuer auf die Wertschöpfung zahlen. Wenn Sie ein Brownfield-Abkommen haben, müssen Sie auch nicht bezahlen. Was wir tun ist, dass wir kein Geld geben, aber wenn Sie ein genehmigtes Brownfield-Projekt haben, gibt Ihnen die flämische Regierung Verhandlungsführer an die Hand, um alle Beteiligten oder ihre Unterstützung zu gewinnen und eine Plattform zu schaffen, auf der sich diese Parteien treffen und über die Neugestaltung dieses Standortes diskutieren können.

B24: Ist der Markt für Brownfields in Belgien transparent und übersichtlich oder noch schwer zugänglich?

Eddy Wille: Natürlich hat jede Region ihre eigene Regelung. Was ich denke ist, dass jeder den Markt erschließen und ein Projekt starten kann. Natürlich, wenn Sie nach Belgien kommen, haben Sie eine spezielle Regelung, aber das ist kein Problem. Es ist nicht verboten, so in den Markt einzusteigen. Es ist ziemlich transparent.

B24: Erzählen Sie bitte von einem Referenz-Projekt aus Belgien, bei dem die Brownfield-Entwicklung einen langfristigen Mehrwert darstellen konnte.

Eddy Wille: Ich war an ca. 50 Projekten beteiligt. Es gibt zum Beispiel das »Old Docks-Projekt«. Es begann vor 15 Jahren, also gab es bereits ein Fest zum 15-jährigen Redevelopment. Es ist ein andauerndes und zugleich ein großes Projekt. Das Interessante ist, dass dieses Langzeitprojekt alle Elemente des Brachflächenredevelopments beinhaltet. Bei so einem großen Projekt kann man nicht erwarten, dass es in zwei bis drei Jahren fertig ist. Auch die Kommunikation über dieses Projekt dauert seit mehr als 15 Jahren. So erkennt man die vielen Gesichter des Redevelopments. Es soll eine neue Infrastruktur geschaffen werden, die zugleich auch Teil der gesamten Stadtentwicklung Gents ist. Es wurden also Entscheidungen getroffen, wie die Stadt in 40 Jahren aussehen sollte. Auch die Pläne des »Old Docks-Projekts« passen in diese Stadtpläne von Gent. Es ist außerdem sehr wichtig gewesen, Interaktivitäten zu schaffen. Das ist auch am Old Docks-Gelände passiert. Von Anfang an gab es konkrete Aktionen. Zum Beispiel haben Sie dort im Sommer einen Strand angelegt und alle Art von sportlichen Aktivitäten angeboten, um für die Nachbarschaft einen Mehrwert zu generieren.

B24: In der Flämischen Region verfügen Sie über ein Brownfield-Kataster. Könnten Sie uns diesen und seine Funktion bitte kurz erklären? Vor allem welche Informationen dort gespeichert sind, wer Zugriff auf das Kataster hat und wie aktuell dieser ist?

Eddy Wille: Wir nennen es nicht Brownfield-Kataster. Es ist mehr, dass wir eine Menge Datengrundlage über das Landinformationsverzeichnis haben. Alle Informationen über die Bodenqualität und -verschmutzung. Wir haben auch eine Datenbank für den Zustand der Landnutzung. Also, ob es verwendet wird oder nicht. Und wir haben auch eine Datenbasis über die Infrastruktur, die für die industrielle Nutzung sehr wichtig ist. Wenn Sie an einem Brownfield-Projekt beteiligt sind, können Sie nach diesen Informationen fragen. Wir arbeiten mit dem »Callsystem«. Jedes Jahr gibt es mindestens eine Ausschreibung, in der Menschen ihr Projekt vorstellen können. Von dem Zeitpunkt an, an dem das Projekt vorgestellt wurde, verfügen wir über eine spezielle Datenbank mit allen Brownfield-Abkommen. Und das ist online, so dass jeder Zugang zu unserer Datenbank hat. Andererseits sind die ehemaligen Datenbanken nicht für jedermann zugänglich. Die Regierung kann sie nutzen und auch die Menschen können sie während bestimmter Verfahren nutzen. Es gibt also keine freien Daten über die Bodenqualität. Sie können aber die Informationen beim OVAM erfragen.

B24: Brownfield-Entwicklung: Notwendiges Übel oder leicht zu schöpfendes Potenzial für die Projektentwicklung?

Eddy Wille: Also es kommt darauf an, wem man diese Frage stellt. Ein Optimist würde sagen, dass es sich um eine Schöpfung von Potenzial handelt. Ein Pessimist würde sagen, dass es ein Übel ist. Aber ich denke – und das ist mein Punkt bei Brownfield-Projekten – die Anpassung ist das Wichtigste. Jedes Projekt hat seine spezifischen Charakteristika und unterschiedliche Anforderungen aus der Nachbarschaft. Von dem Moment an, in dem Sie eine gute Politik zur Brachflächensanierung haben und dieses Projekt unterstützen können, können Sie von einem Potenzial für Projektentwicklung sprechen. Jedoch manchmal, wenn Sie stark belastete Standorte mit komplexen Sonderproblemen haben – nun sagen wir mal – dann ist »das Übel nahe«. Aus der Sicht von 20 Jahren Sanierung sehe ich das so: Von dem Moment an, in dem Sie das Wissen haben mit den Brachflächen umzugehen, wie der Prozess durchgeführt werden sollte und Sie über spezifische Erfahrungen in der Brachflächenentwicklung verfügen – von da an ist jedes Projekt machbar.


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