Interview mit Sabine Wosche, LEG Thüringen

Geschäftsführerin der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH: »Wir optimieren die Inanspruchnahme von Flächen und leisten so einen Beitrag zum schonenden, nachhaltigen Umgang mit der Ressource Boden.«

17.10.2018

BF24: Frau Wosche, die LEG Thüringen hat Ende 2017 ihr Brachflächenkataster online gestellt. Können Sie uns kurz die Landesentwicklungsgesellschaft mit ihren Aufgaben vorstellen?

Sabine Wosche: Die Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH (LEG Thüringen) wurde 1992 gegründet und ist eine 100-prozentige Tochter des Freistaates. Wir sind tätig in den Bereichen Wirtschaftsförderung, Standortentwicklung und Immobilienmanagement. Zu unseren Aufgaben zählen die Ansiedlung von Investoren, die Außenwirtschaftsförderung, das Technologiemanagement und das Marketing für den Investitions- und Beschäftigungsstandort Thüringen ebenso wie die Entwicklung und Vermarktung von Industriestandorten, komplexe Vorhaben in der Stadt- und Regionalentwicklung, die Bereitstellung von Wohnbauland und die Durchführung von Immobilienprojekten.

BF24: Wie kam es zu der Idee, ein Brachflächenkataster zu entwickeln?

Sabine Wosche: Ein beträchtlicher Anteil der LEG-Aufgaben betrifft Herausforderungen im Bereich der Sanierung, Entwicklung und Revitalisierung von Brachflächen. Zudem ist die LEG auch immer wieder mit der Durchführung von Ausgleichsmaßnahmen befasst. Wir arbeiten für den Freistaat und wir haben einen landesweiten Fokus. So war für uns der Weg nicht weit zu der Idee, ein digitales, GIS-basiertes Kataster zu schaffen. Dieses ermöglicht eine thüringenweite Übersicht über Brachflächen im Freistaat sowie einen bestmöglichen Einbezug dieser Flächenpotenziale in das Kalkül von Kommunen, Investoren und Entwicklern.

BF24: Warum braucht Thüringen eine solche Datenbank?

Sabine Wosche: Investoren, Bauträger, Immobilienunternehmen – und wir als LEG Thüringen auch – entwickeln in Thüringen Wohn-, Industrie- und Gewerbeflächen. Laut Gesetz muss jeder dadurch erfolgende Eingriff in Natur und Landschaft ausgeglichen werden – und der Bedarf an den entsprechenden Ausgleichsflächen steigt! Es ist sinnvoll, solche Ausgleichsmaßnahmen gezielt auf Flächen ohne landwirtschaftliche Nutzung zu lenken, und dazu wiederum ist es notwendig, möglichst viele Brachflächen und ihre Gegebenheiten zu kennen. Unser Kataster ist eine öffentlich zugängliche Informations- und Meldeplattform für brach gefallene Standorte und gibt damit Investoren und Gebietskörperschaften ein Informationswerkzeug an die Hand, welches ihnen erleichtert, Ausgleichsmaßnahmen durchzuführen. Im Ergebnis optimieren wir die Inanspruchnahme von Flächen und leisten so einen Beitrag zum schonenden, nachhaltigen Umgang mit der Ressource Boden. Hierzu nur eine Zahl: Unsere Berechnungen zeigen, dass durch Nutzung der im Kataster bereitgestellten Brachen die Inanspruchnahme von mindestens 1.500 Hektar Ackerland vermieden werden könnte!

BF24: Wie ist das Brachflächenkataster entstanden, und wie funktioniert es?

Sabine Wosche: Bis zur Etablierung unserer Plattform 2017 gab es kein Kataster für ganz Thüringen. Immerhin war 2006 eine landesweite Erhebung der Brachflächen erfolgt. Darauf haben wir aufgebaut, wir haben die Daten erfasst und aktualisiert, die offenen Geodaten des Freistaats einfließen lassen und zusätzlich einen GIS-Workflow und eine Luftbildrecherche draufgesetzt. Im Ergebnis haben wir jetzt ein GIS-basiertes Kataster, wobei der Nutzer der Website beim ersten Zugriff zunächst nur die Abgrenzung der Brachen sieht. Vertiefende Informationen erhält er, wenn er bei uns mit einem nachvollziehbaren Anliegen konkret anfragt – da geht es dann beispielsweise um Lagefaktoren oder den Stand der Bauleitplanung. Wir haben vor, die Daten mindestens jährlich zu prüfen und zu aktualisieren, und zwar durch die Ansprache von Verantwortlichen in Landratsämtern und Stadtverwaltungen. Jeder User kann uns auch via Homepage-Meldung einen Hinweis auf eine notwendige Aktualisierung geben. Um dies zu erleichtern, wurde die Website auch für Mobilgeräte optimiert.

BF24: Welche Flächen kann ich in dem Kataster finden und sind diese alle in Ländereigentum?

Sabine Wosche: Das Kataster umfasst momentan über 1.000 brach gefallene Flächen, die Mindestgröße pro Standort beträgt 0,3 Hektar. Die Eigentumsform ist dagegen keine Ausschlusskategorie, so dass wir Areale verschiedenster Eigentümer listen – das geht von privaten Investoren bis hin zu Kommunen und dem Land. Die Bandbreite der Objekte ist dementsprechend sehr groß. Die Gesamtgröße aller Areale im Kataster beläuft sich auf 2.340 Hektar, wovon nach unseren Schätzungen, die auf Stichproben beruhen, rund 1.400 Hektar baulich entwickelt werden könnten. Unsere Berechnungen besagen, dass hiervon wiederum rund 1.000 Hektar gewerbliche Bauflächen werden könnten, 87 Hektar entfielen auf Sonderbauflächen, 105 Hektar auf gemischte bauliche Flächen, und 117 Hektar auf Wohnbauflächen. Für die beiden letztgenannten Flächentypen ließe sich damit hochrechnen, dass auf ihnen knapp 4.000 Wohnungen mit einer Wohnfläche von rund 390.000 Quadratmetern entstehen könnten. Wir haben auch auf Grundlage unserer Stichprobenuntersuchung geschätzt wie hoch die Gesamt-Investitionssumme wäre, wenn man die 1.400 Hektar Potenzialfläche revitalisieren würde: Wir kommen hier auf eine Gesamtzahl von rund 850 Millionen Euro, wobei wir davon ausgehen, dass über 70 Prozent dieser Aufwendungen durch Verwertung der aufbereiteten Flächen wieder hereingespielt würden.

BF24: An wen kann ich mich wenden, wenn ich eine interessante Fläche gefunden habe? Wer begleitet mich bei den darauffolgenden Schritten, beispielsweise bei der Kontaktaufnahme zum Eigentümer oder Gesprächen mit der Stadt?

Sabine Wosche: Erster Ansprechpartner beim Brachflächenkataster ist unsere Abteilung Stadt- und Regionalentwicklung, abgekürzt SRE. Möchte jemand mehr über einzelne im Kataster gelistete Brachen erfahren, erstellen die Kolleginnen und Kollegen ein Angebot. Auf Basis eines Vertrages werten unsere Fachleute sodann die Daten aus und bereiten sie auf. Das kann zum Beispiel auch die Ansprache von Eigentümern und die Recherche bei Verwaltungen einschließen. Umfang und Zielrichtung der Datenauswertung bestimmen die Auftraggeber. Wir bieten zudem an, Investoren bei der Suche nach und bei der Revitalisierung von Brachen gezielt zu unterstützen.

Quelle für alle Bilder: LEG Thüringen


Über uns

Brownfield 24 - Deutschlands erste Plattform für Grundstücke, Netzwerk & Wissen rund um Brownfields.

Von der Revitalisierungsfläche, über geeignete Projektpartner bis hin zu aktuellen Brownfield-Nachrichten, bietet die Plattform ein einzigartiges Angebot.

Newsletter

Verpassen Sie nichts! Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter von Brownfield 24.

Hier berichten wir über spannende Revitalisierungsprojekte, Wissenswertes über Altlastenflächen, kontaminierte Grundstücke, Neuigkeiten aus Politik und Recht sowie über alles Weitere zu den Themen Konversionen, Problemgrundstücke und Insolvenzen.

Kontakt