Holger Stoye, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Herne, im Interview mit Brownfield24

23.05.2019

Viele Entwickler beklagen, dass in den Städten keine passenden Flächen mehr vorhanden sind. Holger Stoye, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Herne mbH, kennt das Problem aus eigener Erfahrung und erläutert im Gespräch mit Brownfield24, wie seine Stadt hier Abhilfe schaffen will.

BF24: Herr Stoye, die Entwicklung von Brownfields wird für viele Kommunen in Zukunft immer notwendiger und wichtiger. Wie sieht das in Ihrer Stadt aus?

HS: Auch wir in Herne sehen in der Revitalisierung von Flächen die größten Entwicklungschancen. Und diese müssen auch genutzt werden. An unserem Standort beispielsweise haben wir noch ca. 10.000 Arbeitssuchende. Dazu kommen eine Vielzahl von Pendlern, denen wir bevorzugt einen Job vor Ort ermöglichen wollen – auch um damit einen Beitrag zur Mobilitätswende zu leisten. Jammern über zu wenige Arbeitsplätze und zu geringe Gewerbesteuereinnahmen dürfen nicht zu einer Geißelung des Unternehmertums oder zur Erhöhung der Hebesätze führen, sondern zur Suche nach mehr Chancen. Wir brauchen also Jobs für rund 15.000 Menschen vor Ort und – das ist hoffentlich für alle verständlich – benötigen dafür Flächen.

BF24: Mit welchen Herausforderungen werden Sie als Wirtschaftsförderer in diesem Zusammenhang konfrontiert?

HS: Genau genommen mit drei – wie übrigens viele unserer Kolleginnen und Kollegen in anderen Städten auch. Erstens die Flächenkonkurrenz beim Thema Wohnen. Wohnraumentwicklung ist sehr gewünscht und bringt oftmals mehr Ertrag als das Herstellen und Veräußern von Gewerbeflächen. Zweitens die deutlich steigenden Kosten für die Aufbereitung von Flächen und drittens das Durchhalten einer Ansiedlungsstrategie, die oftmals verbunden ist mit einer Optimierung. Das ist für die Politik eine komplizierte Gemengelage, denn noch immer ist es schwierig, Investitionen für eine ungewisse Zukunft, d.h. für ungewisse Ansiedlungen, anderen Entwicklungsoptionen vorzuziehen. Doch bereits bei einer Mittelfristbetrachtung benötigen wir zwingend ein gesundes Verhältnis zwischen qualitativem Wohnen, lebenswerten Städten und Arbeitsplätzen mit guten Rahmenbedingungen. Sonst zehren uns die Sozialkosten langfristig die Zukunftsinvestitionen auf.

BF24: Gibt es Brownfieldentwicklungen in Herne, auf die man gern zurückblickt und denkt, toll die Mühe hat sich gelohnt?

HS: Der Gewerbepark Hibernia an der BAB 43 ist ein sehr schönes Beispiel und stammt aus der guten alten Zeit. Die Gesamtfläche umfasste 430.000 qm, aus der 240.000 qm Netto-Gewerbefläche entstanden sind. Eine Fläche, die zuvor Jahrzehnte von der Chemieindustrie genutzt wurde. Sie gehört sicherlich zu einer unserer ältesten Brownfieldwandlungen, beginnend mit der Anmeldung zum Grundstücksfonds Ruhr im Jahre 1991. Ein Großteil der Flächen konnte zügig und ergebnisstark verkauft werden. Der zentralen räumlichen Lage entsprechend, konnten viele Branchenbedarfe gut erfüllt werden. In diesem Jahr können wir die letzten 10.000 qm in idealer Lage für ca. 120 EUR/qm anbieten. Anfragen sind erwünscht . Wir gehen davon aus, dass die Fläche nach der ExpoReal in diesem Jahr verkauft ist.

BF24: Woran scheitert es Ihrer Meinung nach am häufigsten, wenn es um Brownfieldentwicklungen geht? Was wären hier pragmatische Lösungsansätze?

HS: Mitten im Ruhrgebiet ist es der altbekannte Dreiklang: Erstens hohe Einstiegskosten bzw. hohe Sanierungskosten, zweitens sind die Eigentümerstrukturen oft eine riesige Herausforderung, und drittens werden die baurechtlichen Rahmenbedingungen zu oft zu einer sehr hohen Hürde. Der wichtigste, pragmatischste Lösungsansatz für viele Brownfieldentwicklungen im Ruhrgebiet liegt leider wieder einmal in der zwar nervigen, aber doch unerlässlichen Forderung nach Subventionen für die Sanierung von verunreinigten Flächen.

Ich bin schon immer der Überzeugung gewesen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt und die Integration in unser Gesellschaftssystem zum aktuellen Zeitpunkt nur und ausschließlich über den Faktor Arbeit zu erzielen ist. Es gibt sicherlich Arbeitsfelder, die auch zu Recht subventioniert werden können. Aber grundsätzlich hat die freie, soziale Marktwirtschaft genügend Kraft, um unseren Wohlstand zu sichern. Doch dafür muss Grundsätzliches geboten werden: Flächen mit der notwendigen Infrastruktur. Zuvor nannte ich die Revitalisierung von Hibernia. Dort hat die Aufarbeitung bis zum Verkauf von 1 qm Netto-Gewerbefläche 195 EUR gekostet. Ohne Förderung wäre das undenkbar gewesen. Heute lägen wir wahrscheinlich bei 250–300 EUR/qm.

BF24: Mit Blick auf Ihre im Herzen des Ruhrgebiets liegende Stadt – welche Potenzialflächen gilt es zukünftig noch zu entwickeln und welche Chancen bzw. Herausforderungen bieten diese?

HS: Die Fläche der Zukunft in Herne heißt »General Blumenthal 11« in Herne Wanne-Eickel, unweit des Hauptbahnhofs mit guter Anbindung an die BAB 42. Hier sprechen wir über bis zu 10 teils belasteten Hektar mit verschiedenen Eigentümern. Derzeit sind keine Förderszenarien für die Bodensanierung erkennbar. Ich glaube dennoch, dass wir einen Weg finden werden. Schön wäre es, wenn nicht die Kosten den späteren Inhalt, sondern unsere Bedarfe die Ausrichtung bestimmen könnten. Und das würde ich uns insgesamt wünschen: Mehr Investitionen in unsere Zukunft mit Technologie und Arbeitsplätzen.

Copyright der Bilder: Stadt Herne


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